Samstag, 30. Januar 2010

Sawakis Dharma-Erbe Sodo Yokoyama (Teil 2)

[Die folgenden Ausschnitte stammen aus Arthur Braverman: Living and Dying in Zazen, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Übersetzung: Melanie Lieberknecht. Die Texte waren schon einmal im "Zenforum" zu lesen.]

Uchiyama Roshi schrieb über Yokoyama: „Sodô-san wurde in eine Familie von Bediensteten für den Tomoya-Klan nahe der Stadt Sendai geboren. Von seiner Jugend an war er hervorragend im Schreiben von Haiku, waka, und Liedern. Nun sind sein poetisches Gespür, sein Blattspielen und sein Zazen zusammen zu einem Zauber geworden, der die Herzen der Reisenden hebt. Wie herzerwärmend diese Lebensart in dieser materialistischen Welt ist! Er war sogar im Fernsehen. Ich bin mir sicher, viele Zuschauer, die ihn im Park sitzen sahen, mit den Japanischen Alpen im Hintergrund, erkannten den Blatt spielenden Mönch aus ihrer Kindheit.

Ich habe Sodô-san drei Mal gesehen, seit er Kioto verließ. Es ist schon über zehn Jahre her, seitdem er sein zeitloses Leben in den Japanischen Alpen begann. Meiner Meinung nach hat er diese feinsinnige Art mit dreiundsechzig Jahren zur Perfektion entwickelt. Es freut mich, dass dieser Mensch mein älterer Bruderschüler von Kôdô Sawaki ist – dem Lehrer, den man „Landstreicher Kodo“ nannte.“


Sodô Yokoyamas Zazen

Sodô Yokoyama fing an, Zazen zu üben, nachdem er mit zweiundzwanzig Dôgens Zuimonki gelesen hatte, und vertiefte sein Verständnis unter der Führung Sawaki Roshis. Doch wenn er über Zazen schreibt, bezieht er sich oft auf Einflüsse aus seiner Kindheit, aus der Natur, und von seinem Vater. Er beschreibt sich als die Sorte Kind, die in jedes neue Interesse völlig versunken war, in Geometrie zum Beispiel, im dritten und fünften Schuljahr, und dann in Baseball, als er das Interesse an Mathematik verlor.

„In der dritten Klasse beschloss mein älterer Bruder, mir Arithmetik beizubringen Er wollte mir helfen, das Lernen zu schätzen. Er brachte mir in meinem vierten Jahr Bruchrechnung bei und im nächsten, meinem fünften, sagte er, er würde mir Algebra und Geometrie beibringen. Er packte ein dickes Buch aus und zeigte es mir …

Die Diagramme inspirierten mich, ich fühlte mich erhoben. Ich dachte zu mir: „Ich werde nächstes Jahr lernen, wie wunderbar, welches Glück ich habe!“ … Bis zu diesem Tag kann ich nicht vergessen, wie bewegt ich als Jugendlicher in der vierten Klasse war, als diese Diagramme des Geometriebuches mich so begeisterten. Jedoch wurde mein Bruder während meines vierten Jahres der Grundschule Soldat. In meinem fünften Jahr spielte ich Baseball und verlor jedes Interesse am Lernen. So wie ich in meiner Jugend von den Geometrie-Diagrammen inspiriert wurde, bewegte mich später das „Diagramm“ des Zazen so, dass ich es nie vergessen werde. Mir wurde klar, dass ich das niemals aufgeben würde. (aus: Waga Tatsu Soma [Der Wald, in dem ich stehe], Tokio: Kioin Publishing Company, 1982, 219)


An anderer Stelle spricht Yokoyama über die Rolle seines Vaters dabei, dass er das Interesse am Akademischen verlor. Einmal sah ihn sein Vater, wie er zum Vergnügen in einem Mathematikbuch der Sekundarstufe las, und schimpfte mit ihm, er sagte, dass der einzige Nutzen akademischen Wissens darin läge, in dieser Welt Erfolg zu haben. Ginge es um das Universum, half das Lernen überhaupt nicht. Ob sein Vater nun wirklich das Wort „Universum“ benutzte – jedenfalls benutzte Yokoyama es in seinen Schriften häufig, eher noch als „Buddha Dharma“, um von der Kategorie der Religion zu transzendieren und auf die alles umfassende Natur hinzuweisen, die er dem Zazen zuwies.

Seine Erklärung des Zazen, obwohl recht frei von religiösen Bildern, war nicht ohne Liebe und Leidenschaft für die Übung, und man fühlte diese Leidenschaft, wenn man ihm nahe war, sie auf den vielen Fotos sah, auf denen er Zazen übte, und in seinen Schriften über Zazen und die natürliche Welt antraf. Die Wahrheit über Zazen lernte er vom Sonnenuntergang, von einem Bergfasan und von den vielen Reisenden, die bei seinem „Tempel unter dem Himmel“ in den Japanischen Alpen vorbeikamen.

Er liebte es, in den Bergen herumzulaufen. Seine Fixierung auf die untergehende Sonne in seiner Heimatstadt erklärend, schrieb er: „Wenn der rote Sonnenuntergang für immer angedauert hätte, wäre ich wahnsinnig geworden. Denn die Sonne sank und der lichte Himmel verschwand. Ich konnte in meinem Geist mit Leichtigkeit den Berg hinabsteigen. Eines Abends bekam ich einen Hinweis von der untergehenden Sonne, dass alle Schöpfung über den Gedanken hinausgeht. Die untergehende Sonne weiß nichts über die untergehende Sonne, aber sie ist die untergehende Sonne.“ (ebenda, S. 108 f.)

Dieser Mangel an Selbstbewusstheit war für ihn ein Hinweis, dass alle Schöpfung über das Denken hinausgeht. Als kleines Kind wurde er daran erinnert, als er seinem Vater beim Zazen zusah:

„An einem Frühlingsabend, als ich sieben war, saß mein Vater an den Papierschiebetüren und zeigte mir spielerisch die Zazen-Haltung. ‚So übte der Buddha‘, sagte er. In meinem jungen Geist übte der Buddha wie mein Vater. An jenem Abend blühten Äpfel in unserem Garten.“ (ebenda, S. 107 f.)

Die Geschichte Yokoyamas ist die Geschichte seiner Vorstellung von shikantaza, oder einfach sitzen. Er war Poet, Kalligraf, Komponist und Musiker, doch für ihn beruhten alle diese Talente auf der Grundlage von Zazen. Zazen, so betonte er, war das Universum. Man musste sich nicht ändern, um dieses Zazen zu erfahren; alles, was man tun musste, war zu sitzen und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Kein Gewinn, das Endziel vieler Zen-Übenden, war für ihn der Eingangspunkt zum Zazen. Es gab keine Gedanken, obwohl man dachte.

Er glaubte, dass die Zazen-Haltung an sich mysteriös wirksam war, was er von der natürlichen Welt bestätigt sah. In seinen Schriften bezieht er sich ein paar Mal auf ein von ihm verfasstes traditionelles japanisches Gedicht, das das Beobachtetwerden beim Zazen durch einen Fasan in den Bergen beschreibt.

Vor Jahren,
in den Bergen meditierend,
erschien ein Fasan
und starrte
auf mein Zazen.

Die Tatsache, dass der Fasan keine Angst vor einem Menschen hatte, wie es normalerweise der Fall wäre, bestätigte sein Gefühl, dass die Form von Zazen perfekt war. „Hätte ich den Blick gehoben und den Fasan angesehen“, schrieb er, „wäre er davongeflogen. Darum hielt ich den Blick gesenkt, den Blick vier Fuß vor mir, und schaute nicht zu ihm hoch.“ Er erwähnte den Vorfall einem Freund und Ratgeber gegenüber, einem Doktor Saito von Kumamoto, der viele Jahre mit Sawaki geübt hatte. Der Doktor erzählte ihm, dass Tiere aufgrund der Täuschung, die sie dort erkennen, nie in die Augen von Menschen sehen. Yokoyama interpretierte dies als Bestätigung seiner Annahme, dass die Zazen-Haltung, besonders die Blickrichtung, eine Kraft besaß, die den Geist des Sitzenden transzendierte.

„Diese Augen, diese Zen-Haltung, in der der Blick nach vorne fällt, wird jigenshishujô genannt (mitleidige Augen, die alles erblicken; aus einem Vers des Lotus-Sutra, 25. Kapitel, abgeleitet). Zu jener Zeit verstand ich endlich diese Worte. Obwohl ich nicht zu dem Fasan hoch schaute, während ich Zazen machte, war er in meiner peripheren Sicht. Ihn nicht anzusehen, zeigte eine Abwesenheit von bösen Absichten. Das ist das gleiche wie nicht das Schlechte in anderen zu betrachten. Schaust du nicht auf das Böse in anderen, bist du frei. (Waga Tatsu Soma, 228-29)

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